WANTED - DEAD OR ALIVE0
0
00
Die Ausstellung

Der Mensch als Ware

 

Schon lange bevor sich eine Polizei im modernen Sinne entwickelte, wurde nach Menschen oder Gegenständen gefahndet. Der wirtschaftliche Erfolg antiker Gesellschaften basierte zu einem großen Teil auf dem Einsatz von Zwangsarbeit und Sklaven. Deshalb ist es wenig verwunderlich, dass in einem der frühesten noch erhaltenen Steckbriefe nach zwei entlaufenen Sklaven gesucht wird.

 

 

Steckbrief aus der Ptolemäerzeit, ca. 180 oder 156 v. Chr., Papyrus, Fundort Memphis

 

Unter Ägyptologen ist die genaue Datierung des Steckbriefs aus der Ptolemäerzeit, der im 19. Jahrhundert in Memphis gefunden wurde, umstritten.

Gefahndet wurde darin nach zwei in Alexandria entwichenen Sklaven, die sich gemeinsam auf der Flucht befanden: Hermon, auch Neilos genannt, ein Syrer aus Bambyke, war Sklave des Gesandten Aristhogenes; sowie Bion, ein Sklave des Kallikrates. Aufgegeben wurde der Steckbrief in Alexandria. Vermutlich gingen Abschriften in alle wichtigen Städte und Provinzen. Zur Identifizierung der beiden Gesuchten wurden nicht nur Kleidung und gestohlene Wertsachen beschrieben, sondern auch unveränderliche Kennzeichen wie Narben und Tätowierungen. Bemerkenswert ist eine mehrstufige Prämie bei der Ergreifung, die später noch einmal – wohl nach erfolgloser Fahndung – von fremder Hand erhöht wurde.

 

 

 

 

Verfolgt im Namen der Politik

 

In Rom hing man Fahndungslisten traditionell am Forum aus. Die gesuchten Personen wurden zudem von einem Ausrufer publik gemacht. Die ersten historisch belegten Proskriptionen erfolgten unter der Diktatur von Lucius Cornelius Sulla (um 138 – 78 v. Chr.) in der Spätphase der römischen Republik.

 

Kaiser Augustus, geboren als Gaius Octavius in Rom, Großneffe und Haupterbe Cäsars.

 

Die Machtkämpfe zwischen dem künftigen Kaiser Augustus (63 v. – 14 n. Chr.) und den republikanisch gesonnenen Römern eskalierten, als mit solchen Listen mehr als 300 Senatoren und rund 2.000 Bürger, Equites (Ritter, das war der niedere plebejische Landadel, dem nicht zuletzt auch Octavian entstammte), für vogelfrei erklärt wurden. Diese umfangreichen Fahndungslisten wurden während der Zeit des Zweiten Triumvirats im Jahr 43 v. Chr. veröffentlicht, als Octavian, Marc Anton und Lepidus ihre Legionen zusammenlegten. Sie führten zu blutigen Metzeleien, ließen den seit fast hundert Jahren währenden Bürgerkrieg wieder aufflammen und beschleunigten den endgültigen Zerfall der Republik, an dessen Ende es nur einen Sieger gab: Augustus. Zu den prominentesten Opfern der Verfolgung zählte Marcus Tullius Cicero.

 

 

 

 

Kriminalfall Golgatha

 

Kurz nach der Zeitenwende ereignete sich in der römischen Provinz Judäa – zumindest für den christlich geprägten Teil der Welt – der bis auf den heutigen Tag bedeutendste Kriminalfall: Die Fahndung, Ergreifung und Hinrichtung des Jesus von Nazareth. Wenngleich unklar ist, ob bei der Suche nach Jesus auch Steckbriefe zum Einsatz kamen, so gab es doch zumindest ein Kopfgeld – 30 Silberlinge, die einem gewissen Judas Simon von Karuot zuerkannt wurden.

 

Auch wenn aus Judäa kein Steckbrief gegen Jesus bekannt ist, so gab es dennoch einen – rund 1500 Jahre später. Der Jesus-Steckbrief, dessen Phantomzeichnung der Augsburger Dürer-Zeitgenosse Hans Burgkmair der Ältere (1473 – 1531) angefertigt hat, stützte sich auf die in diesem Flugblatt ebenfalls veröffentlichte Beschreibung, die Publius Lentulus im Jahr 33 n. Chr. an den römischen Senat gerichtet haben soll. In dem Brief beschrieb der Prokonsul detailliert das Aussehen von Jesus vor der Kreuzigung.

 

Hans Burgkmair, Holzschnitt, Augsburg, 1512. Flugblatt mit einem angeblich vom Prokonsul Publius Lentulus vor der Kreuzigung Christi an den römischen Senat gerichteten Brief, in dem das Aussehen von Jesus beschrieben wird, versehen mit einer Phantomzeichnung von Burgkmair.

 

Der vermeintliche Brief des Publius Lentulus basiert wahrscheinlich auf einem Text, der im 13. Jahrhundert in einem Kloster als eine Art Meditation über das Aussehen Jesu entstanden ist. Mitte des 15. Jahrhunderts beginnt er erneut zu zirkulieren, jetzt um die Legende bereichert, es handele sich um besagten Brief des Prokonsuls, mithin ein Augenzeugenbericht. Entweder – so wurde behauptet – habe man das Schreiben in einem alten Buch oder in einer Bleikapsel in der Nähe des Laterans in Rom gefunden.

 

 

 

Steckbriefe als Zeitzeugen

 

 

In der „Jauner- und Diebs-Lista“ aus dem Schwabenland von 1733 finden sich Auflistungen und Kurzbeschreibungen all jener Personen, die damals wegen unterschiedlichster Straftaten gesucht wurden.

 

Das handliche Format des Hefts legt nahe, dass es von den Gerichtsdienern und anderen Bevollmächtigten der Obrigkeit, wenn sie unterwegs waren, griffbereit mitgeführt wurde.

 

Die Umwälzungen, die letztlich europaweit durch die Französische Revolution von 1789 ausgelöst wurden, werden manchmal auch an kleinen Details sichtbar. So ist dieser Steckbrief nach noch flüchtigen Mitgliedern der Schinderhannes-Bande datiert auf den 21. Messidor im 10. Jahr der „fränkischen Republik“. Zu ihr gehörte damals auch das „Ruhr-Departement“, das im Zuge der Kriege, die von den deutschen Staaten und der Habsburger-Monarchie gegen die französische Revolutionsarmee geführt wurden, von Frankreich annektiert worden war. Das Datum entspricht dem 10.Juli 1799.

 

Auflistung steckbrieflich gesuchter Mitglieder der Schinderhannes-Bande.

 

Das Bild des klassischen Steckbriefs ist zweifellos von jenen Fahndungsblättern geprägt, die mit dem „Wilden Westen“ verbunden werden. Kopfgeldjäger und Outlaws haben die Vorstellung vom Steckbrief maßgeblich geprägt, auch wenn dieses Bild vor allem durch Filme und Romane vermittelt wurde und nur in den seltensten Fällen durch echte Fahndungsaufrufe aus den USA des 19. Jahrhunderts.

 

Diese Vorstellung vom Wilden Westen verschleiert, dass eine große, wenn nicht sogar die größte Zahl der Fahndungsaufrufe in den USA entlaufenen Sklaven galt, jedenfalls bis zum Sezessionskrieg 1861 – 1865.

 

Schon der erste Präsident der Vereinigten Staaten, George Washington, setzte 10 Dollar als Kopfprämie auf eine entlaufene Sklavin aus.

 

 

Abraham Lincoln, XX. Präsident der Vereinigten Staaten, wurde am 15. April 1865 ermordet. Er ist eine der wichtigsten Symbolfiguren im Kampf um die Abschaffung der Sklaverei in den USA. Der Streit um diese Frage, die zum Bürgerkrieg führte und das Land fast zerrissen hätte, bewirkte eine Kluft zwischen Nord- und Südstaaten, die bis heute spürbar ist.

 

Fahndungsplakat nach dem Präsidentenmörder John Booth und seinen Komplizen, Washington, 20. April 1865

 

Steckbrief gegen einen Toten. Kein authentisches Fahndungsmittel, sondern Produkt einer Legende und Teil des Tourismusmarketings von New Mexico.

 

Zwar sollen gegen William H. Bonney, genannt Billy the Kid (1859 – 1881), im Verlauf seines kurzen Lebens auch Kopfgelder ausgesetzt worden sein, doch wirklich belegbare Fakten zu diesem Outlaw sind rar. So schwankt – je nach Quelle – allein die Anzahl der von ihm verübten Morde zwischen 4 bis 21, wobei sich die erste Zahl belegen lässt, was nicht heißt, dass er die anderen Morde nicht begangen hat. So erschoss er angeblich in Sonora, Mexiko den Spieler Don José Martinez, dessen Familie anschließend eine Belohnung auf seine Ergreifung aussetzte. 

 

Eine Reihe namhafter Künstler, Schriftsteller und Politiker teilen das Schicksal, irgendwann der Verfolgung durch die Obrigkeit ausgesetzt gewesen zu sein. Nicht wenige von ihnen wurden steckbrieflich gesucht.

 

Die kriminelle Karriere des unbekannten Betrügers, nach dem in mehreren Steckbriefen ab 1864 gefahndet wird, verrät ein hohes Maß an Fantasie, mit der die Taten geplant und durchgeführt werden. Erst nach mehrjährigen Haftstrafen findet diese Gabe zur Imagination ihren Ausdruck im vielbändigen Werk des Volksschriftstellers Karl May.

 

 

Zwei von insgesamt sieben Steckbriefen gegen Karl May, 2. und 13. April 1869.

 

Einer der berühmtesten Kriminalfälle zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Gaunerposse, mit der der „Hauptmann von Köpenick“ die Obrigkeitshörigkeit und das bedingungslose Vertrauen in Uniformträger einer ganzen Epoche auf den Punkt gebracht hat.

 

Steckbrief gegen den „Hauptmann von Köpenick“, Berlin, 16. Oktober 1906. Am Phantombild haben nicht nur gute Zeugen, sondern auch ein außergewöhnlich befähigter Künstler gearbeitet.

 

Einer der rätselhaftesten Kriminalfälle aus der Zeit der Weimarer Republik ist jene bis heute nicht aufgeklärte Bluttat, die sich in dem Einödhof Hinterkaifeck ereignet hat.

 

Fahndungsplakat zum Mordfall Hinterkaifeck, 8. April 1922, Neuburg a. d. Donau

 

Anfangs ging die Polizei von einem Raubmord aus. Dem widersprach die Tatsache, dass sich noch größere Bargeldmengen im Haus befanden, das der oder die Täter gründlich durchsucht hatten. Zu den größten Versäumnissen in den Ermittlungen dieses an Ungereimtheiten reichen Falls zählte, dass keine daktyloskopische Untersuchung des Tatorts stattfand und deshalb keine Fingerabdrücke gesichert werden konnten.

 

Die NS-Zeit ist ein Synonym für das Wort Verbrechen. Diese Ausstellung kann in Bezug auf Fahndung und Polizeiarbeit nur einige marginale Einzelfälle aufgreifen, die schlaglichtartig die Fahndungsmethoden nach der Neuformation des Polizeiapparats im NS-Regime zeigen.

 

 

Menschen, die verfolgte Juden versteckten, gerieten ebenso ins Fadenkreuz polizeilicher Ermittlungen, wie die untergetauchten Angehörigen der aus rassischen Gründen als „minderwertig“ angesehenen Bevölkerungsgruppen. Neben Juden zählten dazu u. a. Sinti und Roma. Homosexuelle und politisch Andersdenkende waren ebenfalls häufig das Ziel polizeilicher Fahndung.

 

Steckbriefe gegen entflohene Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus den Sonderblättern zum Deutschen Kriminalpolizeiblatt, Berlin, vermischt mit Fahndungsersuchen nach gewöhnlichen Kriminellen wie einem Heiratsschwindler oder im Zusammenhang mit einer Kindesentführung.

 

Zu den wichtigsten Fahndungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehörte nicht nur in Deutschland sondern weltweit die Suche nach linksextremistischen Terroristen.

 

Terroristen – Vorsicht Schusswaffen. RAF-Fahndungsplakat u. a. gegen Susanne Albrecht, Inge Viett und Christian Klar.

 

 

Fahndungsplakat gegen Odfried Hepp, BKA, 1985. Es wird gerne vergessen, dass es auch damals schon neben dem Linksterrorismus bereits ein massives Problem mit rechten Terroristen gab.

 

NSU-Fahndungsplakat, BKA, 2011. Die Versäumnisse bei den Geheimdiensten, der Polizei und Justiz verhinderten offensichtlich, dass die Zwickauer Terrorgruppe schon früher hätte gestoppt und damit Anschläge und Morde hätten verhindert werden können.

 

 

 

Dank

Ohne die Hinweise, Tipps und die Unterstützung der folgenden Personen und Institutionen wären weder die Ausstellung noch dieses Buch möglich gewesen. Ich bin zu Dank verpflichtet:

 

Cuno Affolter, Horst Berner, Prof. Dr. Nadja Capus (Lehrstuhl für Strafrecht und Kriminologie der Universität Basel), Dr. Willy Clarysse (Professor für alte Geschichte und Papyrologie, Kath. Universität Leuven), Wilfried Dietsch (Leitender Polizeidirektor a. D., Kriminalmuseum Fürth), Gertraud Dötzer, Sybille Felix (Playmobil), Sigrid Fucker (Kulturamt der Stadt Weißenburg in Bayern), Stephan Gruber (Institut für Geschichte, Universität Wien, www.identifizierung.org), Klaus Häffner (www.fraenkisches-krimifestival.de), Roland Hopp (Archiv des Polizeimuseums Ingolstadt), Dirk Kruse (www.fraenkisches-krimifestival.de), Christoph Lemoine, Paul Lensing (Stadtbibliothek Weißenburg), Ute Paprotny-Hassan (Stadtbibliothek Weißenburg), Thomas Przybilka (Bonner Krimi Archiv Sekundärliteratur, www.bokas.de), Dr. Ansgar Reiß (Polizeimuseum Ingolstadt), Karl-Heinz Schneider (Kriminalmuseum Rothenburg o. T.), Sabine Stoll, Frans Stummer, Judith Weingart (Playmobil), Günter Wittmann (Ägyptologieforum Universität Würzburg).

 

Besonderen Dank für ihr freundliches Engagement und ihre fundierte Hilfe schulde ich Doris Kock vom polizeigeschichtlichen Archiv an der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster-Hiltrup.

 

 



WANTED - Ausstellung    info@wanted-ausstellung.de